Das mütterliche Leitbild

 

 

Mütter können ja generell nichts richtig machen: ob Rabenmutter oder Helicopter, ob arbeiten gehen oder zu Hause bleiben, irgendwo in dem Spannungsfeld findet die Gesellschaft garantiert Platz der Mutter etwas Schuld anzulasten. 


In allen anderen Bereichen wird Schuld zwar erst verhandelt, wenn ein Schaden entstanden ist. Nur bei Müttern ist das anders: Sie kriegen Schuld auch so, selbst wenn es den Kindern sichtbar gut geht. Wahrscheinlich sind die Kinder dann über- oder unterfordert und wenn wirklich alles passt, hätte die Mutter mehr Sport machen oder mehr arbeiten können oder sie sah sechs Wochen nach der Geburt nicht aus wie Heidi Klum. Irgendeine Schuld findet sich immer.


Da ist es kein Wunder, dass sich viele junge Mütter mit Selbstzweifeln herumschlagen. Bettina G., die eigentlich zum Karriere-Coaching bei mir ist, bricht plötzlich in Tränen aus, weil sie denkt, dass sie keine gute Mutter sei. Ich frage, wie sie darauf kommt. Das Kind hatte in der letzten Zeit öfter etwas Husten oder Schnupfen.

Nachdem die letzten Wochen die ganze Welt schwere Grippe hatte, hört sich das für mich noch nicht nach einem Beleg für Kindesvernachlässigung an.
 

Ich frage weiter, wieso sie meint, dass dem Kind etwas fehlt. Es fehlt ihm nichts. Aber, sagt sie bitter weinend, wenn sie eine gute Mutter wäre, hätte sie ja diese Zweifel nicht. Sie müsste sich nicht fragen, ob alles in Ordnung ist, ob sie etwas wichtiges übersieht. Eine gute Mutter hat doch so eine starke Verbindung zu dem Kind, dass sie es von allein weiß.


Mir ist neu, dass sich Kompetenz dadurch auszeichnet, dass man seinen Verstand nicht benutzt. Bettina G. war eine der besten ihres Jahrgangs und hat seit zwei Jahren einen sehr guten Job mit Aufstiegschancen. Sie lässt sich, obwohl beruflich alle Zeichen günstig stehen für die Karriereentwicklung coachen. Neun Stunden hat sie vorab gebucht und wollte ein Paket, in dem Soft-Skills, Team- und Führungsqualitäten etc. trainiert werden. Sie kam nicht auf die Idee, das alles von allein, rein aus mitmenschlicher Intuition wissen zu müssen. Andernfalls sei sie keine gute Arbeitnehmerin und für den Aufstieg ungeeignet. Im Gegenteil. Ihr war klar, dass der Zweifel daran, alles von selbst zu können, sie beruflich qualifiziert.


Bei allen Aufgaben nehmen wir möglichst viele Sinne und unseren kritischen Verstand zu Hilfe. Wohl wissend, dass es dann optimal wird. Selbst wenn wir kochen, prüfen wir, ob die Temperatur passt, wir benutzen Eieruhren, wir testen Nudeln, ob sie genau al dente sind und schmecken ab. Wenn man es so ausdrücken will, zweifeln wir ständig.


Nur als Mutter herrscht eine Vorstellung, dass man alles von allein rein intuitiv richtig machen müsste. Artikel in großen Zeitschriften machen sich über zu ehrgeizige, zu fürsorgliche, zu ängstliche Eltern lustig. Und in uns herrscht ein mütterliches Leitbild, dass man quasi mit dem Geburtsvorgang natürlicherweise und mit selbstverständlicher, rein intuitiver Leichtigkeit eine perfekte Mutter zu sein hat. Dahinter steckt ein Bild wie von einer Madonna, einer schon fast Heiligen, die allein durch ihre Intuition segensreich wirkt. Oder wie das verkitschte Bild einer Mutter aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts.

 

Psychologisch wird elterliche Bindung als „die Fähigkeit die Bedürfnisse des Kindes feinfühlig zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren“ definiert.  Und jeder weiß doch, dass neben Eltern, die sich nicht kümmern, diejenigen am schlimmsten sind, die allen entgegenstehenden Hinweisen zum Trotz ihre seltsamen Erziehungsmethoden durchziehen. Viel Schaden würde vermieden, wenn diese Eltern mal zweifeln und sich fragen, ob das, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, tatsächlich nötig und fürs Kind sinnvoll ist.
 

Es ist richtig Gefühl und Verstand einzuschalten, wenn man sich fragt, ob das Kind alles hat, was es braucht. Man muss den Zweifel nicht um seinetwillen kultivieren, aber die Sorgfalt, die wir jeder alltäglichen Arbeit zukommen lassen, die sollen wir auch dem Kind nicht vorenthalten. Genauso nüchtern und feinfühlig, wie man sich  fragt, welcher Topf und welche Erde für eine Balkonpflanze die richtigen sind, ob sie an dem Standort genug Sonne hat, wie man prüft, wann sie gegossen werden muss, muss man sich fragen, was für die Entwicklung des eigenen Kindes angemessen ist. 


Erziehung ist immer ein Ausbalancieren, ein work in progress. Das was noch vor einem halben Jahr richtig war, muss man jetzt lockern oder neue Regeln finden. Und dazu gehört auch ein Zweifel, ein hellhöriges Ohr für die Bedürfnisse des Kindes. Das zeigt nicht, dass man keine gute Mutter ist, im Gegenteil: es qualifiziert einen dazu.

 

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Immer wenn über Klient/innen geschrieben wird, geschieht es anonymisiert und nur mit ihrer Einwilligung. Die Anregung zu diesem Blog kam von Bettina G. Sie glaubt, dass es vielen Müttern so geht wie ihr und es ihr sehr gut getan hat, zu begreifen, dass Zweifeln dazu gehört, was sie gerne teilen möchte. 

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Christine Quindeau
Psychologin

Psychotherapeutin (HPG)

 

Entwicklungspsychologie Pädagogin, Kinder- und Jugendpsychologie

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© Christine Quindeau